Micol Assaël, Meteorologie- und Hochspannungsforschungszentrum, Istra, in der Nähe von Moskau.

Archivalische Praktiken

Ein Archiv ist ein diskursiver Ort. Durch Methoden der Sortierung und Speicherung von Archivalien werden historische Daten generiert, hervorgehoben oder verschwinden. Es ist ein Produktionsort, an dem das menschliche Verhältnis zur Vergangenheit sichtbar wird und an dem sich die Gegenwart in die Zukunft einer Gesellschaft einzuschreiben vermag. So wie wir die Vergangenheit bewahren, werden wir uns in der Zukunft verhalten und verändern wollen.
Im Rahmen des Themenfeldes Archivalische Praktiken werden künstlerische Arbeitsweisen erforscht, die dem Archiv als einem Ort verloren gegangener oder verdrängter historischer Informationen zu neuer Sichtbarkeit und physischer Präsenz verhelfen. Sie setzen sich mit Strukturierungsprozessen von Archiven auseinander und legen einen Schwerpunkt auf verdrängte und ungeteilte Erfahrungen, sogenannte «Gegenerinnerungen» (engl. counter-memories). Seit den 2010er Jahren kursiert hierfür in der Kunst- und Kulturtheorie zudem der Terminus des «diffizilen Wissens» (engl. difficult knowledge), der auf unzureichende, abwesende und fragwürdige Repräsentationen von vergangenen Ereignissen in Archiven verweist. Vermittels dieser archivalischen Praktiken in der Kunst können vergessene oder weniger beachtete Ereignisse nachträglich anerkannt werden. Forschungsfragen sind: Welche Archive werden von Künstler*innen in ihren Arbeiten thematisiert? Nach welchen Kriterien konstruieren Künstler*innen selbst archivalische Strukturen? Wie inkludieren sie diffiziles Wissen und strukturelle Abwesenheiten in ihren Arbeiten?

Knut Ebeling/Stephan Günzel (Hg.), Archivologie. Theorien des Archivs in Philosophie, Medien und Künsten, Berlin: Kulturverlag Kadmos 2009.

Hal Foster, «An Archival Impulse», in: October, Vol. 110, Herbst 2004, S. 3 – 22.

Eva Knopf/Sophie Lembcke/Mara Recklies (Hg.), Archive dekolonialisieren. Mediale und epistemische Transformationen in Kunst, Design und Film, Bielefeld: transcript 2018.

Erica Lehrer/Cynthia E. Milton/Monica Eileen Patterson (Hg.), Curating Difficult Pasts. Violent Pasts in Public Places, Basingstoke/New York: Palgrave Macmillan 2011.

Margaret Tali, Absence and Difficult Knowledge in Contemporary Art, Abingdon-on-Thames: Routledge 2017.

Workshop: Archive, Non-Archive, Counter-Archive

6. Oktober 2022, 14:00–21:00 Uhr; 7. Oktober 2022, 10:00–14:00 Uhr

Was zeigen Archive? Der zweitägige Workshop Archive, Non-Archive, Counter-Archive untersucht den Paradigmenwechsel zur Archivkritik in der zeitgenössischen Kunst. Ziel ist es, ausgehend von einem close reading der Werke der Künstler*innen Oraib Toukan und Armin Linke die Wechselbeziehung zwischen epistemischen und archivarischen Praktiken zu untersuchen. Insbesondere wird nach künstlerischen Praktiken gefragt, die verlorenen oder unterdrückten Formen des Wissens zu neuer Sichtbarkeit und Präsenz verhelfen.

Ist Geschichte erst durch das Medium des Archivs möglich? Keine Feststellung könnte so treffend sein – und so falsch zugleich. Denn während Archive positiv gewendet am Anfang von Erinnerung und Geschichte, von Fakten und Wissen stehen, verhindern sie im negativen Sinne das Wissen über die Vergangenheit, indem sie bestimmte Formen privilegieren und andere unterdrücken. Der Workshop zielt daher darauf ab, künstlerische Praktiken zu reflektieren, die sich mit Archiven als epistemische Konfliktzonen und Austragungsorte historischer Semantik auseinandersetzen und ihre Neutralität als Pforten zur Geschichte infrage stellen.