Anri Sala, Answer Me, 2008, Einkanal-HD-Video, Farbe, Stereoton, 4:51 min.

Chronopolitische Ansätze

Chronopolitische Ansätze thematisieren einen veränderten Umgang mit Strukturierungen von Zeit und finden sich sowohl in kunsthistorischen Diskursen als auch in gegenwärtigen künstlerischen Arbeitsweisen. Sie eint eine Skepsis gegenüber Formen historischer Geschlossenheit und Evidenz und sie exemplifizieren zeitliche Verläufe vermittels nicht-linearer Strategien der Wiederholung, Verschiebung, Dekonstruktion und Übersetzung von Zeit. Insbesondere künstlerische Rekonstruktionen geschichtlicher Ereignisse, die sogenannten «Reenactments», führen zu einer spannungsvollen Überlagerung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, durch die sich bisherige geschichtsbildliche Perspektiven potentiell neu formieren können. Grundlegend für den chronopolitischen Impuls in der Kunst ist die Frage danach, wessen Geschichte vergessen und wessen Historie erinnert wird. Das Forschungsprojekt greift zeitbezogene Strategien in der Kunst auf, indem es nach dem «Möglichkeitssinn» der Geschichte fragt, also danach, welche Bedeutung der Kunst bei der Balance im Verhältnis von Gegenwart und Vergangenheit hin zu einer «alternativen Gegenwart» zukommt. Vor diesem Hintergrund wird gefragt, wie aktuelle und historische Ereignisse durch ihre Verzahnung neue Betrachtungsformen von Geschichte zeitigen: Welche «alternative Gegenwart» kommt anhand eines zeitbasierten künstlerischen Experiments zum Vorschein? Inwieweit vermögen chronopolitische Ansätze in der Kunst lineare Zeitkonzeptionen und hegemoniale Geschichtsbilder kritisch zu befragen? Wie lassen sich künstlerisch mediatisierte Stimmen aus unterschiedlichen geografischen und politischen Systemen als «geteilte Geschichten» anerkennen?

Sebastian Conrad/Shalini Randeria, «Einleitung. Geteilte Geschichten – Europa in einer postkolonialen Welt», in: Dies. (Hg.), Jenseits des Eurozentrismus. Postkoloniale Perspektiven in den Geschichtsbüchern- und Kulturwissenschaften, Frankfurt am Main: Campus 2002, S. 9 – 49.

Elizabeth Grosz, The Nick of Time. Politics, Evolution and the Untimely, Durham: Duke University Press 2004.

Eva Kernbauer, «Kunst, Geschichtlichkeit. Zur Einleitung», in: Dies. (Hg.), Kunstgeschichtlichkeit. Historizität und Anachronie in der Gegenwartskunst, Paderborn: Wilhelm Fink 2015, S. 9 – 31.

Susanne Leeb, «Flucht nach nicht ganz weit vorn. Geschichte in der Kunst der Gegenwart», in: Texte zur Kunst, Nr. 76, Winter 2009, S. 28 – 45.

Jacques Rancière, «Der Begriff des Anachronismus und die Wahrheit des Historikers», in: Eva Kernbauer (Hg.), Kunstgeschichtlichkeit. Historizität und Anachronie in der Gegenwartskunst, Paderborn: Wilhelm Fink Verlag 2015, S. 33 – 50.